Das Glück der Erde…

Veröffentlich am 12.03.2016

Eigentlich dachte ich, in den zweieinhalb Jahren, in denen ich jetzt Hundemama bin, schon alles an Reaktionen von meinen Mitmenschen beim Spaziergang erlebt zu haben. Aber da habe ich nicht mit der breitgefächerten Vielfalt der Menschheit gerechnet.

Gerade heute erst, nachdem ich mich endlich von unserem Rübchen habe breitschlagen lassen, nicht nur die wunderschöne neue Couch, sondern auch das Haus zu verlassen, musste ich feststellen, dass es noch abstruser geht als bisher gekannt.

Aufgrund der verschiedenen Erfahrungen habe ich mir in den letzten beiden Jahren für Rübchen und mich einen Verhaltenskodex auferlegt. Da man bei Unbekannten, die man auf einem Spaziergang trifft, nie weiß, wer oder was einen erwartet, übe ich mit meinem Hundemädchen freundliche Zurückhaltung, bis das Gegenüber einschätzbar ist.

Schon komisch an sich war, dass viel mehr Leute bei diesem Schmuddelwetter unterwegs waren als von mir erwartet. Und das, wo wir heute ausnahmsweise mal den Wald statt das Feld gewählt hatten.

Wir gehen also den schmalen Pfad Richtung Wald hinauf, als wir noch geschätzte zwanzig Meter vom Reitweg entfernt sind, der unseren Pfad kreuzt.  Auf eben diesem Reitweg nähern sich zwei Reiterinnen von rechts. Da ich weiß, dass Reiter – im Übrigen berechtigterweise – recht garstig werden können, wenn sich Lebewesen auf einem Reitweg befinden, die dort nichts verloren haben, bedeute ich meinem zwar schrecklich verwöhnten, aber dennoch einigermaßen gut erzogenem Hundemädchen, dass sie sich noch an Ort und Stelle auf unserem schmalen Pfad setzen soll, um somit den zwei Damen hoch zu Ross samt freilaufendem Hund die Möglichkeit zu geben, völlig unbelästigt passieren zu können. Rübchen tut widerstandslos das, was ich von ihr verlange, in Erwartung nach diesem unglaublich guten Verhalten ein Leckerchen zur Belohnung zu bekommen. Da ich schon länger gut erzogen bin und auch ohne Leckerchen nett sein kann, lächele ich den beiden Frauen zu. Die fühlen sich nicht angesprochen, vielleicht interessiert es sie auch nicht – wie auch immer. Sie lächeln nicht zurück. Dafür lächelt ihr Hund, nicht nur im Gesicht, auch mit dem Schwanz und kommt mit dem Rest seines Körpers gleich mal zu uns herübergelaufen. Rübchen liebt – bis auf ein paar wenige Ausnahmen – andere Hunde, und so begrüßt sie ihn freundlich. Etwa zeitgleich ruft eine der Reiterinnen nach ihrem Hund, der dem Brüll nach zu urteilen Gizmo heißt. Gizmo interessiert das nicht, er hält es im Moment für wichtiger, Rübchen und mich zu begrüßen. Fragt sich in solch einer Situation berechtigterweise, ob Gizmo eigentlich jetzt gut oder schlecht erzogen ist. Wie auch immer, da ich persönlich gut erzogen und nicht nur nett zu Menschen, sondern auch zu Hunden bin, besonders, wenn diese freundlich lächelnd auf mich zulaufen, beuge ich mich zu ihm herunter und sage: „Hallo! Na, du?“

Eine empörte und ziemlich unfreundliche Ermahnung, die diesmal nicht Gizmo, sondern mir gilt, bringt mich völlig außer Fassung. „Nichts da, Hallo!“

Irritiert blicke ich auf, sprachlos, irgendwas sinnvolles zu erwidern schaue ich ziemlich sicher genauso ziemlich blöde aus der Wäsche.

„Wie können Sie es wagen, meinen Hund freundlich anzusprechen, wenn ich ihn rufe? Ist doch klar, dass er dann nicht hört.“

Hm, seltsame Theorie in meinen Augen, aber jetzt weiß ich wenigstens, dass ich auch nicht mehr freundlich bleiben muss, das scheint bei dieser Frau vergebene Liebesmüh zu sein. Was auf dem Rücken ihres Pferdes liegt, weiß ich nicht, aber sicher nicht das Glück dieser Erde. Deswegen sage ich, stark übertrieben: „Meine Güte, ich bitte vielmals um Entschuldigung!“

Gizmo scheint Rübchen toll zu finden, zumindest schnuppert er an ihrem Hintern. Sie erhebt sich aus ihrer sitzenden Position, um dieses Unterfangen für ihn leichter zu machen. Da ich nicht weiß, wie ich mich nun weiter verhalten soll, ohne wieder einen über den Deckel zu bekommen, mache ich einfach gar nichts. Auch verkehrt.

„Nun schicken Sie ihn schon weg!“ Gizmos Frauchen schüttelt genervt den Kopf angesichts meiner – in ihren Augen – sichtlichen Blödheit. Gegen mein inneres Gefühl, dass das niemals funktionieren kann, versuche ich es trotzdem. „Geh! Geh weg! Geh zu deinem Frauchen!“ Gizmo ist entweder schwerhörig oder mittlerweile in Rübchen verliebt, angesichts ihres betörenden Po-Duftes, jedenfalls reagiert er null auf mein hilfloses Gebrüll. Mittlerweile komme ich mir auch blöd vor und kapituliere. Erstens ist es nicht meine Art, fremde Hunde, die nett zu mir sind, anzubrüllen und zweitens: „Sie sehen doch, dass das nicht klappt! Rufen Sie ihn doch selbst! Der hört niemals auf mich, ist ja schließlich nicht mein Hund, sondern Ihrer!“

Ausnahmsweise hört sie mal auf mich, ruft noch mal nach ihrem Hund, und siehe da, begibt sich Gizmo tatsächlich auf den kurzen Weg zurück zu seinem Frauchen.

„Himmelherrgott!“, entfährt es mir nach dieser lächerlichen Aktion, und dieses Mal bin ich diejenige, die den Kopf schüttelt, weil ich immer noch nicht verstanden habe, was an dieser Situation denn jetzt so furchtbar gewesen sein soll, und führe meinen Spaziergang mit Rübchen fort, der eigentlich zu Entspannung hätte dienen sollen.

Das einzig Gute an solchen Situationen ist es, dass mir solche Personen immer wieder genügend Stoff und Inspiration zum Schreiben liefern. Die können aber auch echt froh sein, dass ich ein Mensch bin, der dieses Ventil wählt, und nicht das eines Amok-Läufers.




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